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Dienstag, 25. Juli 2017

Neue Eerdmanntjes-Märchen aus Ostfriesland

Nach einer alten Vorlage weitererzählt von Kindern aus Westoverledingen

Wie die Geschichte nach einer alten Überlieferung beginnt....
Im Plytenberg bei Leer hausten Eerdmanntjes mit ihrem König. In Nächten, wenn das Mondsilber vom Himmel fiel, sah man oft auf dem Hammrich ihre Wäsche bleichen. Und die Schiffer hörten in strengen Wintern manchmal an stillen Abenden ein geheimnisvolles Knacken des Eises, dann wussten sie, dass die Eerdmantjes Schlittschuh liefen.
Es war einmal an einem sternlosen Abend, da glaubte der Fährmann von Leerort ein Rufen zu hören. Er ging der Stimme nach, und am Ufer bewegte sich ein graues Männchen, das rief:
„Fahr over! Fahr over!“. Der Fährmann brummte zwar, dass er für einen so kleinen Gast fahren sollte, aber er schickte sich doch an, das Boot loszumachen. Doch das Eerdmanntje bat ihn, die große Pünte zu nehmen, denn es wären ihrer viele, die mit wollten. Der Fährmann tat ihm den Willen, und das Manntje stieg ein, aber sonst war niemand zu sehen. Als er vom Ufer abstoßen wollte, sagte es: „Wacht, noch neet!“ Und es wurde ein Wispern vernehmbar, wie wenn der Wind durchs Schilf strich, aber sichtbar wurde keiner, nur die Pünte sank tiefer und tiefer, als wenn sie Lasten trüge, und endlich sagte das Manntje: „Fahr over!“
Als der Fährmann am anderen Ufer anlegte, fragte es, was er haben wollte. „Een Stüver de Mann“, antwortete er. Da füllte das Eerdmanntje ihm die Mütze, und langsam hob sich die Pünte wieder. Das leise Flüstern aber schwoll zu einem dumpfen Klagen: „Unse Könink is doot! Nu mutten wi all to’t Land herut!“ und verlor sich dann in der dunklen Weite... 
(Quelle: Siefkes, Wilhelmine: Ostfriesische Sagen und sagenhafte Geschichten, Verlag Ostfriesische Landschaft Aurich, 1963)

Wie aber erging es nun den Eerdmanntjes auf der anderen Seite des Flusses?
So fragten sich 14 Kinder im Alter zwischen 4 und 8 Jahren am 17. März bei einer Ferienpassaktion in Westoverledingen/Ostfriesland  und entwickelten beim Spiel mit Zwergenfiguren und mit Hilfe von Märchenkarten die Ideen für folgende Fortsetzung:

Fortsetzung zum Märchen I: Die Eerdmanntjes im Frühling

...Die ersten Freunde, die die Manntjes auf der anderen Seite des Flusses trafen, waren ein Wildschwein, ein Reh und vielerlei Vögel, mit denen sie sich schnell anfreundeten. Denn inzwischen war es Frühling geworden und auch die Zugvögel kehrten wieder aus den wärmeren Ländern zurück. Von den verschiedenen Tieren lernten die Manntjes eine Menge über das neue Land. So erfuhren sie, dass es auch hier keinen König mehr gab, wohl aber einen Prinzen, der auf der Suche war nach einer Prinzessin. Ach, wenn doch bald eine passende Frau für ihn gefunden wäre! Dann wollte er mit ihr zusammen ein neues Königreich aufbauen.
Der Prinz hatte  einen edlen Ritter zum Freund, der eine solche Prinzessin für ihn suchen sollte.
Dieser ritt also an einem Frühlingsmorgen mit seinem Pferd durchs Land und fand dabei im Gras die schlafenden Manntjes, die er hier  noch nie zuvor gesehen hatte. Weil nun die Manntjes von der langen Reise so müde waren, brachte er ihnen erstmal in einem Krug frisches Wasser aus dem Brunnen. Davon wurden die Manntjes augenblicklich ganz munter. Sie begleiteten den Ritter nun eifrig auf seiner Suche und waren recht hilfreich dabei. Denn die Kleinen konnten überall dorthin huschen und kriechen, wo der Ritter mit seinem Pferd nicht hinkam.
So geschah es, dass sie einen tiefen Graben durchquerten und dort eine Schriftrolle fanden mit einer geheimen Botschaft.
Es stand darauf geschrieben:  Im Turm auf einer Sandbank draußen an der Flussmündung wird eine Prinzessin gefangen gehalten und zusammen mit ihrem Schatz aus Perlen und Edelsteinen von einer bösen Alten bewacht. Nur ein Prinz, der sich selbst dorthin auf den Weg machte, konnte mit etwas Zauberei versuchen, die Schöne aus dem Turm zu befreien.  Um aber über das Wasser zum Turm zu gelangen, musste der Prinz einen kleinen Esel nehmen, denn mit einem großen Pferd war die Überfahrt auf einem kleinen Boot nicht möglich. Die Manntjes, die sich in Zauberei verstanden, rieten dem Prinzen, noch eine Flötenspielerin als Begleiterin mit aufs Boot zu nehmen. Zum Glück blieb neben dem kleinen Esel gerade noch Platz dafür.  Die Manntjes wussten, dass es Dinge gab auf der Welt, die nur durch den Zauber der Musik zu lösen waren.
Und so geschah es tatsächlich: Als die ersten Flötentöne am Fuße des Turms erklangen, verwandelte sich die Alte in ein freundliches Mütterchen, dass die Gäste einließ, das Turmzimmer öffnete und die Prinzessin mitsamt dem Schatz zum Prinzen führte.
Der ritt mit seiner Braut, den Perlen und den Edelsteinen glücklich nach Hause und lud schon im Mai zum großen Hochzeitsfest auf der Wiese ein. Da feierten die Manntjes natürlich mit! Sie tanzten zum fröhlichen Wichtelied und schöner Flötenmusik die ganze Nacht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute.

Die Kinder vom „Hörclub“  der Bücherei an der Grundschule Flachsmeer machten sich einige Wochen später ebenfalls Gedanken darüber, wie das Märchen von den Eerdmanntjes auf der anderen Seite des Flusses wohl weitergehen könnte. Sie erzählten die Geschichten in folgender Weise weiter:

Fortsetzung zum Märchen II: Von der Ems in die weite Welt

...Als die Eerdmanntjes auf der anderen Seite des Flusses eine Gänseherde entdeckten, wussten sie, dass sie hier nicht ganz allein waren. Und siehe da: Hinter Bäumen versteckt stand tatsächlich ein verlassenes Schloss!
Sie klopften an – und ein schönes Mädchen öffnete ihnen die Tür.
Sofort verliebte sich eine ganze Schar von Eerdmanntjes in die Schöne!
Das Mädchen freute sich über den Besuch, weil sie doch selbst einsam war in dem verlassenen Schloss und eine Menge Arbeit hatte,  um Haus und Hof in Ordnung zu halten.
Da konnte sie fleißige Helfer gut gebrauchen!
Während nun einige Eerdmanntjes als Gänsehirten auf dem Schlosshof ihren Dienst taten, war allein ein Eerdmanntje  dazu auserwählt, dem Mädchen zur Seite stehen.
Es kam wie es kommen musste: Das Mädchen verliebte sich  in genau diesen kleinen Wicht!
Nun stand in dem Schloss noch ein leerer Königsthron und es hätte eigentlich gut gepasst, wenn  das Mädchen mit dem Eerdmanntje an ihrer Seite als Königin und König das Land auf der anderen Seite des Flusses regieren würden. Denn auch hier war der alte König schon lange tot und ein Nachfolger wurde dringend gesucht.
Doch dazu hatten die beiden keine Lust.
Sie wollten nicht ihr ganzes Leben im Schloss zubringen. Sie wollten große Reisen machen und die Welt entdecken. Denn sie hatten davon gehört, dass die Ems – so hieß der Fluss, an dem das Land lag – direkt hinaus führte aufs weite Meer. Und sie träumten davon, mit einem großen Segelschiff hinauszufahren.
Es dauerte nicht lange, da erfüllte sich ihr Traum tatsächlich.
Denn ein großes Schiff mit drei Masten legte eines Tages nah beim Schloss am Ufer der Ems an.
Es gehörte zur königlichen Flotte, war viele Jahre unterwegs gewesen in der Welt – und bereit, gleich wieder mit dem Mädchen und dem Eerdmanntje in See zu stechen.
Zugegeben – eine solche Seereise ist nicht jeden Tag lustig!
Die beiden hatten heftige Stürme zu bestehen, bangten um ihr Leben und wären manchmal fast wieder umgekehrt. Das taten sie aber doch nicht.
So kamen sie eines Tages in einem Land an, das ihnen besser gefiel als alle Länder, die sie je zuvor gesehen hatten. Hier wollten sie bleiben!
Sie fanden für sich einen kleinen Bauernhof und fingen an, die Felder zu bewirtschaften.
Und das tun sie vielleicht heute noch.
Der Thron in dem verlassenen Schloss auf der anderen Seite des Flusses ist jedenfalls immer noch leer.
Und die anderen Eerdmanntjes? Einige von ihnen sind allein weitergezogen. Einer von den ganz alten ist gestorben. Und einer ist mit den beiden auf Seereise gegangen, um ihnen als Diener überall behilflich zu sein. Vermutlich war der auch in das Mädchen verliebt.
Aber das hat er niemals verraten.